Diese Review kommt 15 Jahre zu spät, denn so lange ist es her, dass der Mindener Rapper Curse sein Debüt-Album "Feuerwasser" veröffentlichte, das man heute getrost als einen Klassiker des Deutschraps bezeichnen kann. Irgendwie ist diese Review aber doch wieder passend, denn aktuell hat Curse sein erstes Album unter dem Titel "Feuerwasser15" erneut veröffentlicht und befindet sich damit auf Tour.

Ich war 17 Jahre jung und erinnere mich noch genau, wie ich damals im Musikfernsehen - für die jüngeren Leser: Früher haben MTV und Viva tatsächlich Musik gespielt - das erste Mal das Video zu "Wahre Liebe" gesehen habe und sofort geflasht war. Dieser Beat, dazu die markante, raue Stimme des Rappers...und was er da sagt! Wow! In diesem Moment stand für mich fest, dass ich das dazugehörige Album kaufen musste. Und ich erinnere mich auch noch, wie ich damals in einem kleinen Plattenladen in meiner Heimatstadt "Feuerwasser" in den Händen hielt und es schließlich zu meinem Fahrrad trug.

Für die jüngeren Leser muss erklärt sein, dass die Deutschrap-Szene 2000 noch relativ klein war und sich erst aufbaute. Rückblickend kann diese Zeit sicher als goldene Ära bezeichnet werden, denn damals war es so spannend, wie rasant sich die Musik entwickelte. Azad brachte Straßenrap auf den Plan, dann kam ein gewisser Kool Savas mit seinem Track "King of Rap" und definierte Battle-Rap neu, die Spezializtz postulierten Gras, Becks und Zärtlichkeit, Dynamite Deluxe sorgte mit Wortwitz für Aufsehen und dann war da Curse, der Conscious Rap und Storytelling machte, wie sonst keiner vor ihm in Deutschland. Als ich zu meinem Fahrrad ging und "Feuerwasser" in den Händen hielt, war mir schon bewusst, wieder eine neue Facette von Rap kennenzulernen und daher etwas Besonderes gekauft zu haben.

Und tatsächlich: Schon der Opener, "Zehn Rap Gesetze", war und ist krass. In gut eineinhalb Minuten stellt Curse zehn Regeln für Rapper auf, angelehnt an die "10 Crack Commandments" von Notorious B.I.G, und setzt gleich ein Zeichen, was Selbstbewusstsein angeht, wenn es in Regel zehn heißt: "Nummer 10 ist die eigentlich erste von allen Regeln: Stell dich nie gegen Curse. Das war's von mir, jetzt können die anderen reden." Auch auf Track zwei, "Was ist", stellt Curse nochmal sein Selbstbewusstsein zur Schau und zeigt, dass er schon damals einer der besten Rapper in Deutschland war.

Dann aber folgt mit "Wahre Liebe" der Grund, weshalb ich die CD überhaupt gekauft habe. Über einen langsamen, eigentlich sehr minimalistischen Beat rappt Curse von falschen Freunden, von Menschen, die nur da sind, wenn man Erfolg hat und in der Hook heißt es entsprechend: "Glaubt Ihr an die wahre Liebe? // Glaubt Ihr wirklich, dass die Menschen dablieben, wenn die Fassade fiele? // Also glaubt Ihr an die wahre Liebe? Hm? // Ich tu's erst, wenn ich schließlich in Gottes Armen liege." Bei diesem Track passt einfach alles: Flow zum Beat, Beat zum Text... Für mich ist "Wahre Liebe" noch heute einer der besten Songs von Curse und einer meiner Liebsten Raptracks überhaupt. Er ist, genau wie das gesamte Feuerwasser-Album, zeitlos und auch nicht nur für eine bestimmte Altersgruppe relevant.

Auch das gilt übrigens für den gesamten Longplayer, auf dem Curse zahlreiche ganz unterschiedliche Themen verarbeitet. Neben den für Rap typischen Ich-bin-der-Beste-und-zeige-euch-wie-der-Hase-läuft-Tracks gibt es Partysongs wie das unglaublich gute "Leavin' Las Vegas" mit dem Klan und Flow-Granaten wie "Kaspaklatsche", ebenfalls mit dem Klan, und "Auf uns ist Verlass" mit Tone. Curse zusammen mit einem Rapper aus Frankfurt auf einem Track zu hören, war anno 2000 auch noch etwas Besonderes und Curse selbst griff das später in seinem selbstironischen Track "Scheiß auf Curse" (Album: "Von Innen nach Außen") auf, als er über sich selbst sagte: "Der rappt mit Frankfurtern und flext..."

Auf "Hassliebe" rappt Curse über seine untreue Freundin und begründete mit diesem Track wohl sein Image als derjenige mit den Frauenproblemen, der (angeblich) immer nur über seine Ex rappt. Tatsächlich hat er in den folgenden Jahren viele Songs über (zerbrochene) Beziehungen gemacht, wie das unglaublich traurige und ebenso schöne "Und was ist jetzt?" (Album: "Innere Sicherheit"), aber so rough, mit Ecken und Kanten sowie jugendlicher Wut wie auf "Hassliebe" war dann keiner der Tracks mehr. Und gerade das macht ihn zu etwas Besonderem.

Besonders sind auch die letzten beiden Tracks auf "Feuerwasser". Auf dem ruhigen "Licht und Schatten" ist der Sänger J-Luv zu hören, der damals bei Moses Pelhams Label 3p unter Vertrag stand und auf dessen Album ich mich damals bereits sehr freute. Curse rappt über all die Dinge, die in der Welt schief laufen: Krieg, Oberflächlichkeit, Streben nach Statussymbolen. Und J-Luv singt in der Hook entsprechend: "Ihr seid geblendet, Babylon darf nicht bestehen // Wo ist das Ende? Denn was ist unser Leben, wenn die Seele fehlt?" Und dann, ja dann kommt der grandiose Schlusspunkt von "Feuerwasser", der "Schlusstrich" heißt. In zweieinhalb Minuten rappt Curse davon, wie er seinem Leben ein Ende setzen möchte, sich ein Gewehr kauft und sich schließlich erschießt. In den letzten Sekunden klärt er dann auf: "Zwölf Jahre alt und schon prophetisch geträumt. Ab heute ändert sich mein Leben. Für mich. Mit oder ohne euch."

Was für ein Ende! Was für ein Album! Auf 14 Tracks zeigt Curse, dass er alle Facetten von Rap beherrscht und katapultierte sich mit an die Spitze von Deutschrap. Heute ist "Feuerwasser" ein absoluter Klassiker und Curse gehört 15 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch zum Besten, was die Rap-Szene zu bieten hat. Sein jüngstes Werk "Uns" (Review: Curse hat sein Herz zurück) erschien übrigens 2014 nach mehrjähriger Pause.

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