2001 erschien Azads erstes Solo-Album "Leben" und ist mittlerweile ein Klassiker des Deutschraps. Nun, 15 Jahre und fünf weitere Alben später, folgt die Fortsetzung "Leben 2", die Azad bereits vor Jahren ankündigte. Dabei sagte er, er wolle erneut einen Klassiker schaffen. Ob er das geschafft hat?

Die Ankündigung zu machen, einen Rap-Klassiker veröffentlichen zu wollen, baut natürlich Druck auf und legt beim Hörer die Messlatte enorm hoch. Vielleicht hat Azad auch genau deshalb so lange an seinem neuen Album gearbeitet. 2010, vor nun sechs Jahren, erschien mit "Azphalt Inferno 2" der letzte Longplayer des Frankfurters. Nun aber liegt endlich ein neues Werk vor und es hat tatsächlich einige Gemeinsamkeiten aber auch zahlreiche Unterschiede mit dem 2001 erschienen Album "Leben". Vor 15 Jahren hat Azad nämlich alle Songs noch selbst produziert, was nun nicht mehr der Fall ist - mit Brisk Fingaz, Sti, M3 und anderen ist die deutsche Producer-Elite an "Leben 2" beteiligt, Azad selbst zeichnet nur noch für die Produktion von "Manifest" verantwortlich. Kann der Longplayer also dieses spezielle Gefühl beim Hören aufgreifen, dass man beim Vorgänger mit seinen vielen Ecken und Kanten und seiner Roughness noch hatte? Nein, natürlich hört man "Leben 2" nicht mehr an, dass es mit geringen Mitteln aufgenommen wurde, weil es das auch nicht der Fall ist. Aber das ist ja nicht gleich schlecht.

Denn wichtig für das Erreichen des Klassiker-Status von "Leben" war nicht, dass es mit geringen finanziellen Mitteln entstand, sondern die kompromisslose Ehrlichkeit in Azads Texten, die Mischung aus Battle-Rap und Einblicken in die persönliche Situation des Künstlers sowie natürlich auch ein Song wie der Hidden-Track "Therapie" zusammen mit Kool Savas, der für sich schon Klassiker-Status genießt. Hier sei schon verraten: Einen solchen herausstechenden Song gibt es auf "Leben 2" nicht mehr - aber auch das muss nicht gleich negativ sein.

Denn der nun vorliegende Longplayer besticht vor allem durch seine Homogenität. Vom ersten bis zum letzten Beat passt bei "Leben 2" einfach alles zusammen und nichts wirkt zufällig. "Guck, dieses Album ist das Größte was ich je gemacht habe, nach meinem Kind", sagt Azad zu Beginn des "Intros" und später dann: "Dieses Album ist mein Augenlicht, mein Herz, mein Blut." Und tatsächlich findet sich auf dem Longplayer genau das wieder, was Azads Musik seit jeher ausmacht: die Mischung aus Battle-Rap und inhaltlich tieferen Songs, dazu genau das, was Rap ursprünglich einmal war - Musik mit Plattenspielern und einem Mikrofon. Ganz so simpel wurde "Leben 2" zwar nicht produziert, aber Azad ist weit davon entfernt, Kinderchöre und Live-Instrumentalisten ins Studio einzuladen. Und das ist gut so. Denn wer ein Azad-Album kauft, der erwartet puren Rap - und den bekommt er hier.

Das zeigen schon Songs wie "Dreh ab", "T-Rex" und "Brenn'", auf denen Azad klar macht, wer der Boss im deutschen Rap-Game ist. Zudem beweist er mit Zeilen wie "Ich reiß' alles weg, wie ein Kiddy das Geschenke kriegt" ("T-Rex") durchaus Wortwitz. Eines der Highlights ist dabei "187". Auf dem Song sind auch Gzuz und Bonez zu hören, die mit ihrer druckvollen, harten Art zu rappen besonders überzeugen: "Bisschen Studio, bisschen trainieren // Die Narbe in der Fresse hab ich nicht vom Rasieren." Ein weiteres Highlight ist "Kaiserrap" - der dramatische Beat von Sti setzt dabei ebenso Maßstäbe wie der Flow von Azad.

Auf lange Sicht bleiben aber eher deepe Tracks im Kopf, Ohr und Herz und auch derartige Songs hat Azad zu bieten. Da wäre mit "Rap", auf dem auch Motrip zu hören ist, ein Track, der sich sogar an "HipHop" auf dem ersten Leben-Album anlehnt und auf dem besonders Azad davon erzählt, wie er zur Rap-Musik kam, was seine Motivation dabei ist und welches seine Vorbilder sind. "Perfektionist, Fanatiker und Rap-Purist // War end-verbissen und gab jedem Text den letzten Schliff", rappt Azad und "Leben 2" ist der eindrucksvolle Beweis, dass er die Wahrheit sagt: Der Frankfurter ist ein Rap-Purist!

Noch besser sind die Tracks "Werte" (feat. Jeyz) und "Narben und Tränen". Beide befassen sich mit den vielen Dingen, die schief laufen in der Welt. Während "Werte" eher abstrakt daher kommt, nennt Azad auf "Narben und Tränen" die Dinge beim Namen: "Ich weine eine Träne aus Schmerz für Kobane // Es bebt in mir drin, wenn ich sowas seh' // Wie kann passieren was da passiert, bitte sag es mir // Wie kann ich kein Klagelied singen, wenn sie da krepier'n?" In die gleiche Richtung geht auch "Weltbild" (feat. Schatten und Helden). Dieser Song hebt sich aber durch das grundweg positive Instrumental, produziert von Brisk Fingaz, vom großen Rest des Albums ab, ohne dabei als Fremdkörper zu wirken.

Überhaupt ist die Homogenität, wie bereits erwähnt, der große Pluspunkt von "Leben 2". Jeder Track passt auf den Longplayer und befindet sich an der richtigen Stelle, jedes Feature wurde mit Bedacht gewählt. Hinzu kommt der düstere Sound, der den Hörer nach der ersten Sekunde gefangennimmt und erst nach 16 Songs wieder entlässt. Hat Azad nun aber wirklich mit Ansage einen Rap-Klassiker geschaffen? Das kann nur die Zeit zeigen, aber fest steht bereits jetzt - Anfang Februar - dass "Leben 2" eines der ganz großen Rap-Releases des Jahres sein wird. Und vielleicht gewinnt Azad damit ja auch einige Hörer hinzu, die vor 15 Jahren zu jung waren, um "Leben" auf Dauerrotation zu hören. Zu wünschen wäre es dem Frankfurter, denn er ist einer der ganze großen und wichtigen Vertreter im Deutschrap - auch das beweist er nun wieder, denn aus jeder Zeile spricht ganz deutlich Azads Liebe zur Rap-Musik.

Von Stephan Voigt

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