"X-Men: Apocalypse" kommt mit einem beeindruckenden Cast daher und kann mit Bryan Singer einen echten X-Men-Experten auf dem Regiestuhl vorweisen. Dennoch erhielt das sechste Kino-Abenteuer der Mutanten aus dem Marvel-Universum gemischte Kritiken - berechtigt?

Tatsächlich ist verständlich, wenn Kinobesucher monieren, dass dieser sechste Kino-Film rund um die X-Men ein wichtiges Merkmal der Comic-Reihe nicht vorweist: den Versuch zu wagen, im Rahmen eines Actionfilms gesellschaftliche Themen wie Ausgrenzung Andersartiger beziehungsweise Rassismus und Angst vor Fremdem anzusprechen. Besonders im ersten Film aus dem Jahr 2000 nahmen diese Themen noch relativ viel Raum ein, heute sieht das anders aus. "X-Men: Apocalypse" ist zu Action-Bombast geworden, zu einem Dauerfeuer an Special-Effects. Trotzdem ist dieser neueste Film aus dem Franchise ein guter und sehenswerter geworden, der Lust auf mehr macht. 

Kaum Handlung und dennoch ein guter Film - wie kann das zusammenpassen?

"X-Men: Apocalypse" hat trotzdem einige großartige Momente. So wird die Geschichte von Magneto, der wohl interessantesten Figur der neuen Filme, die 2011 mit "X-Men: Erste Entscheidung" (Film-Kritik: Wie alles begann) begannen, 2014 mit "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" (Film-Kritik: Treffen der X-Men-Generationen) fortgesetzt wurden und nun mit "X-Men: Apocalypse" ihren (vorläufigen?) Höhepunkt finden, weiter erzählt. Der Zuschauer sieht, dass der Mutant (Michael Fassbender) in Polen unentdeckt mit Frau und Tochter lebt, schließlich aber wieder einen Hass auf die Menschen entwickelt, als seine Familie getötet wird. Dies macht sich der mächtigste und älteste aller Mutanten, Apocalypse (Oscar Isaac), zu Nutze. Er rekrutiert Magneto und verdeutlicht ihm in Auschwitz, wo Magnetos Eltern ermordert wurden, dass die Mutanten eine neue, bessere Welt erschaffen können. In einer großartigen Szene sieht der Zuschauer, wie Magneto seine Kräfte einsetzt, um das ehemalige Konzentrationslager dem Erdboden gleich zu machen.

Damit spielt Regisseur Bryan Singer auf die Eröffnungsszene des ersten X-Men-Films an, in dem Magneto als Kind in Auschwitz zu sehen ist und seine Kräfte erstmals entdeckt, als seine Eltern ihm von KZ-Wachen entrissen werden sollen. Überhaupt sind in "X-Men: Apocalypse" zahlreiche Anspielungen auf und Zitate von vorhergegangenen Filmen aus diesem Comic-Universum zu entdecken. Damit eifert das Film-Studio 20th Century Fox ganz offensichtlich dem Marvel-Studio in dem Versuch nach, ein eigenes Cinematic Universe zu schaffen und die einzelnen Filme miteinander zu verbinden. Hier gelingt das Bryan Singer ganz großartig, ohne dass der Zuschauer zwingend die Vorgänger gesehen haben muss. Gewisse Vorkenntnisse erhöhen den Spaß, sind aber nicht notwendig.

Besonders gern verweist Singer bei Mutantin Jean Grey, die erstmals in den neueren Filmen mit verjüngtem Cast auftaucht und von Game-of-Thrones-Serienstar Sophie Turner gespielt wird, auf deren Zukunft, die die Zuschauer bereits aus den ersten drei Filmen kennen. Entsprechend viel Raum bietet Singer der Jean Grey. Sehr gut möglich, dass ihre Geschichte in den weiteren Verfilmungen eine noch zentralere Rolle einnimmt, zumal Verträge mit Stars wie Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence, die zum dritten Mal als Mystique zu sehen ist, Michael Fassbender, der den beschriebenen Magneto spielt, und James McAvoy, der erneut als Professor Charles Xavier vor der Kamera stand, bislang nicht verlängert wurden.

Heimlicher Star des Films sind aber die Action-Szenen, die es reichlich gibt, auch wenn Bryan Singer der Ouvertüre - also das Rekrutieren von Apocalypse Helfern, den vier apokalyptischen Reitern - sehr viel Zeit einräumt. Immer wieder nimmt der Film Fahrt auf und wird so während keiner der 145 Minuten Spieldauer langweilig. Und das liegt auch an einem kurzen, dafür aber blutigen Auftritt von Hugh Jackman als Wolverine...

Von Stephan Voigt

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