Ein Action-Held mit Asperger-Syndrom?! Das ist mal etwas Neues und funktioniert tatsächlich sehr gut, wie "The Accountant", der neue Kino-Film von Ben Affleck, beweist. Dabei vermag es der Schauspieler seine Schwächen in Stärken zu verwandeln.

Ben Afflecks Regie-Arbeiten "The Town" und "Argo" sind großes Kino, letzterer ist sogar mit dem Oscar als bester Film prämiert worden. Außerdem erhielt Affleck für "Good Will Huntung" einen Oscar für das beste Original-Drehbuch. Aber seine schauspielerischen Fähigkeiten sind leider eher limitiert. Sein Spiel wirkt eintönig, sein Gesicht sieht lachend, traurig und wütend fast gleich aus. Was man in anderen Filmen monieren kann, passt bei "The Accountant" aber bestens.

Denn Affleck spielt hier den Buchhalter Chris Wolff, der am Asperger-Syndrom leidet und entsprechend Schwierigkeiten hat, Emotionen zu zeigen sowie mit anderen Menschen zu interagieren. Das sorgt für einige wenige komische Einzeiler und Situationen mit der jungen Buchhalterin Dana Cummings (Anna Kendrick), die ein Auge auf den merkwürdigen neuen Kollegen geworfen zu haben scheint.

Diese komischen Szenen sind aber rar gesät, denn zunächst geht es Regisseur Gavin O'Connor ("Jane got a gun") darum, Chris Wolff ausführlich vorzustellen - zu ausführlich. Gerade während der ersten Hälfte hat "The Accountant" einige Längen, weil immer wieder gezeigt wird, dass sich der hochbegabte Buchhalter sozial schwer tut, dass er merkwürdige Angewohnheiten hat, gleichzeitig aber mit Zahlen umzugehen weiß, wie sonst kaum jemand. Dabei haben diese Szenen für sich genommen ihren Charme und Ben Affleck spielt den etwas schrägen Buchhalter gerade wegen seiner oben beschriebenen limitierten Fähigkeiten als Mime absolut gut. Zwischendurch sorgen auch die Rückblenden, in denen aus der schwierigen Kindheit des Hauptcharakters erzählt wird, für beklemmende Momente. Doch insgesamt will man irgendwann dem Regisseur zurufen: "Wir wissen es ja nun! Chris Wolff hat seine Ticks und Schwierigkeiten!"

Dann aber reißt O'Connor das Ruder herum und "The Accountant" wird zu einem spannenden Action-Thriller. Wolff führt nämlich ein Doppelleben. Auf der einen Seite berät er Familien in Finanzfragen, auf der anderen Seite zählen Drogenbarone und Mafia-Banden zu seinen Kunden. Irgendwann soll er bei einer Firma 30 Millionen Dollar wiederfinden, die irgendwie aus den Büchern verschwunden sind, wie die junge, von Anna Kendrick bestens gespielte Buchhalterin Dana Cummings herausgefunden hat. Und damit beginnt ein mörderisches Spiel - nicht nur für Wolff, auch für Cummings. Von Vorteil ist dabei, dass Wolff in seiner Kindheit von seinem Vater, einem Militär, in Nahkampf und Schießen ausgebildet wurde und damit einen ebenso guten Einzelkämpfer wie Buchhalter abgibt. Damit aber nicht genug: Auch die Steuerfahnder Ray King (J.K. Simmons) und Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) kommen Wolff langsam auf die Spur...

Einen Mann mit Asperger-Syndrom als Action-Held zu sehen, ist interessant und einmal etwas Neues. Und man muss Regisseur O'Connor dafür loben, dass er eine (mehr oder minder einseitige) Liebelei zwischen Wolff und Cummings zwar andeutet, dass er aber der Versuchung widersteht, typisch Hollywood eine allzu offensichtliche Liebesgeschichte zu zeigen. Das würde nicht zu Chris Wolff passen und so kommt es nur fast zu einem Kuss und Wolff zeigt seine Sympathie für Cummings lediglich dadurch, dass er ihr das Leben rettet, statt einfach davonzufahren. Mehr Lovestory gibt es nicht - und das ist sehr gut so. Dafür gibt es im zweiten Teil des Films viel Action und all das zusammen macht "The Accountant" auch zu einem guten, wenn auch längst nicht sehr guten Action-Kracher, für den der Gang ins Kino durchaus lohnt.

Von Stephan Voigt

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren