Dass Filme über die Ankunft von Außerirdischen auf der Erde auch ruhig, nachdenklich und intelligent daher kommen können, beweist Regisseur Denis Villeneuve mit seinem neuesten Streich. Schlichter Titel des alles andere als schlichten Films: "Arrival".

Normalerweise gehen Alien-Ankünfte auf der Erde in Hollywood so: Ein Raumschiff wird gesichtet - fast immer über den USA -, die Menschen haben Angst, die Aliens geben sich als kriegerisch zu erkennen, richten größten Schaden an, aber einige heldenhafte Menschen finden einen - fast immer sehr obskuren - Weg, die Fremden vernichtend zu schlagen. Die überschaubare Handlung ist mit vielen Explosionen garniert und am Ende hat der Zuschauer einen sehr erwartbaren Film gesehen. Regisseur Denis Villenneuve geht mit "Arrival" aber andere Wege, hat einen erstaunlich ruhigen Film geschaffen, der phasenweise an Robert Zemeckis "Contact" (1997) erinnert.

Statt vielen Explosionen, behandelt Villeneuve in seinem Alien-Film komplexe Themen. Er nutzt das Szenario der Ankunft von außerirdischen Raumschiffen an zwölf Orten auf der Erde lediglich als Science-Fiction-Folie, um sich darauf mit Fragen zu befassen, die aktueller kaum sein könnten. Amy Adams ("Batman V Superman: Dawn of Justice", "American Hustle") spielt in "Arrival" die Linguistin Dr. Louise Banks, die vom amerikanischen Militär Colonel Weber (Forest Whitaker: "Der letzte König von Schottland", "Der Butler") um Hilfe gebeten wird, als zwölf außerirdische Raumschiffe an unterschiedlichen Punkten der Erde landen, weil die Aliens lediglich Laute ähnlich denen von Walen von sich geben, eine Verständigung also nicht möglich scheint. "Wenn man sich mit einer fremden Sprache befasst, dann verinnerlicht man die Sichtweise auf die Welt derjenigen Spezies, die diese Sprache spricht", sagt die Linguistin irgendwann.

Und tatsächlich geht es bei "Arrival" um die Macht der Worte, um unterschiedliche Sichtweisen von unterschiedlichen Kulturen, um Völkerverständigung und darum, Fremdes nicht sofort als Bedrohung wahrzunehmen - Themen, die in Zeiten von Flüchtlingskrise und Terrorismus kaum aktueller sein könnten. Wie klein unsere Erde, unser Wissen über die Welt und unser Verständnis für derlei Themen sind, das macht Villeneuve besonders am Anfang des Filmes deutlich, indem er seine Akteure auf engstem Raum handeln lässt: Sitzreihen im Hörsaal von Linguistin Banks, Möbelstücke, Wände, manchmal ganze Gebäude lassen die Szenerien eng wirken, zwingen die Charaktere zum Handeln auf kleinstem Terrain und verursachen beim Zuschauer ein unterschwelliges Gefühl von Anspannung. Die majestätischen außerirdischen Raumschiffe hingegen landen in weiten, fast poetischen Landschaften, auf dem Ozean.

Dieses beschriebene Gefühl der Anspannung hält nahezu während der gesamten 117 Minuten Spieldauer an, auch wenn man bald zu ahnen beginnt, dass die krakenähnlichen Wesen tatsächlich nichts Böses im Schilde führen. Besonderer Höhepunkt der Spannung ist der Erstkontakt von Banks mit den Aliens. Villenneuve nimmt sich für den Weg in das Raumschiff, für das Auftauchen der Außerirdischen und die ersten Versuche einer Kommunikation sehr viel Zeit. Genauso für die Versuche der Linguistin, die Schriftsprache der Aliens - tintenkleksähnliche Kreise - zu entschlüsseln. Dass das nicht langweilig wird, liegt zum einen an Villenneuves Auge für gute Bilder und seine Gabe, einen sehr atmosphärischen Film zu schaffen, zum anderen an der glänzenden Amy Adams, die diesen Film mit ihrer Performance trägt und selbst eine Größe wie Forest Whitaker in den Schatten stellt. Der spielt gemeinsam mit Jeremy Renner ("Avengers", "Das Bourne-Vermächtnis") jeweils lediglich eine große Nebenrolle.

Dass es am Ende natürlich die Chinesen sind, die in Anbetracht der möglichen Bedrohung und durch eine falsche Herangehensweise an den Kontakt mit den Aliens (sie kommunizieren über das Spiel Mahjong, wodurch jede Interaktion zu Taktik und einem Kampf um Gewinnen und Verlieren wird) die Nerven verlieren und in den Krieg ziehen wollen, während die Amerikanerin Banks schließlich zur Weltretterin wird - geschenkt. Die unterschiedlichen Formen der Kommunikation mit den Aliens, die die verschiedenen Länder der Erde ausprobieren, beweisen nur, wie wahr der bekannte Satz ist: Wie du mit anderen umgehst, so wird auch mit dir umgegangen. Wer also Worte in einem Kontext eines Wettbewerbs mit Gewinnern und Verlierern gebraucht, der wird sich früher oder später in einem Wettbewerb/Kampf/Krieg wiederfinden. Wer aber den Anderen und dessen Sichtweisen auf die Welt und damit auch auf Sprache wirklich kennenlernt, der kommuniziert auf Augenhöhe und potenziell friedlicher.

So ist "Arrival" über weite Strecken ein atmosphärischer, spannender und auch interessanter Film, als es aber zu einem großen Story-Twist kommt und am Ende die längst verstorbene Tochter von Linguistin Banks eine immer wichtigere Rolle spielt, wird der Film extrem emotional. In den letzten Minuten verschiebt sich auch das Thema von "Arrival" weg von der Frage, wie wir Menschen mit Fremden umgehen, hin zu Fragen nach Leben und Tod, Zukunftsangst, Schicksal und schließlich ganz schlicht und ergreifend um die Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Ohne zuviel verraten zu wollen: Wer in den letzten Filmminuten nicht einen riesengroßen Kloß im Hals hat, der hat entweder keine Kinder und/oder ein ernsthaftes Problem mit den eigenen - fehlenden - Emotionen.

Von Stephan Voigt

 

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